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Samstag, 24. Januar 2015, 19:05

Fluch oder Segen?

Bei mir ist es so, dass meine Schwester während meines Psychologiestudiums psychisch erkrankt ist und ich durch ihre Erzählungen, Besuche bei ihren Klinikaufenthalten und Angehörigengespräche einen anderen Blickwinkel auf die therapeutische Arbeit bekommen habe. Das hat einiges verändert, zum Beispiel, dass ich manche Diagnosen, die sie hat, nicht ernstnehme, weil sie schon (plausiblere) andere Diagnosen hat von denen ich im Studium gelernt habe, dass sie sich gegenseitig ausschließen. Auf der anderen Seite finde ich, dass manche Kommilitonen in Seminaren an der Uni (wahrscheinlich unbeabsichtigt) respektlos oder einfach nur unpersönlich über psychisch Kranke sprechen. Ich finde die Kombination belastend, weil ich mich weder voll als Angehörige, noch als "Psychiatrie-Profi" sehen kann sondern das Gefühl habe irgendwas dazwischen zu sein. Geht es noch anderen so? Was sind eure Erfahrungen?
Hilft euch das Wissen von "der anderen Seite" etwas besser zu machen oder ist es eher belastend?

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Dienstag, 24. März 2015, 17:43

Doppelrollen sind normal, aber sozial selten verhandelt

Eigentlich war es für mich im Leben oft wichtig, mein "Doppeltes Lottchen" zu füttern und zu behaupten.Als KInd Rollen musste ich in die große Schwesternrolle zu meiner Mutter hin, zur Mutterrolle gegenüber meinen jüngeren Geschwistern wechseln, wenn die nicht-elterlichen Eltern krank oder gefährlich oder abwesend wurden..
Ggenüber meinem ersten Sohn wurde ich zur Spielgefährten, die an der Erde tollte, ein große Abenteuerschwester, die ihn fröhlich mit seinem eingewickelten Hintern zum Frühschoppen mitnahm, wel Musik und Freunde treffen Spaß machen...
Professionelität und Lehrstuhl kann nicht klüger sein, als die individuelle Erfahrung aus dem eigenen Siganlsystemen und Intuitionen. Menschen mit psychischem Leiden oder in einer besonderen Weise empfindsam und zur Umwelt verändert erleben dennoch ununterbrochen und vieles davon kann ich nicht kennen, außer ich frage konkret nach. Als Beraterin im Netzwerk Stimmenhören hat sich mir eine Welt von klärender Sprache entwickelt, auf die ich nicht mehr verzichten kann. Es hat mir nie geschadet, mich als Patientin zu erproben und, um Auswege und Alternativen bemüht zu lernen. Dennoch habe ich in den letzten Jahren durch Zuhören und Akzeptanz individueller Realitäten mehr Verständnis, Mitgefühl und Beistand geminsam entwickeln als aus Vorlesung und Büchern. Auch das Rollenwechseln, künstlich symptomatisch zu werden, hat meiner Seele die Rufräume nach Hilfe klären helfen. Als Stimmenhörerin in eienr Übung wird mir schon nach wenigen Minuten viel klarer, welche Kontaktweisen für mich hilfreicher sind, als der stereotype Versuch, mein Stimmenhören wegzurenden oder es abzutun, weil es ja "nur" meins sei. Wie wohltuend, wenn es eine Rückfrage gibt, eine Begleitung, die sich auf meine künstlichen "Stimmen" für nur wenigen Minuten einlassen und sich für mein Erleben, meine Art der Konzentrationsschwierigkeiten, auf meine Gefühle/ Stimmungen, auf Erinnerungen einließen. Wie wohltuend, wenn ich etwas von den Anlässen dieser Stimmenüberwältigung durch ein Gespräch erkennen könnte. Die Diagnose füllt die Zwischenräume kaum aus, die das lebendig bleiben und die Selbstbhauptungen, in Rollen unsere Persönlichkeit zu entwickeln und in einigen Teilen uns, uns selbst deutlicher zu erhalten. Freue mich auf Austausch auch über die Selbsthilfe im Netzwerk Stimmenhöhren.

spongebobtruth

unregistriert

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Samstag, 6. Mai 2017, 20:22

Hallo,

Ich hatte 14 Jahre selber Psychose, und arbeitete später in einem Altenheim, und leite heute einen Dienst mit 14 Obdachlosen und Alkoholikern in Nicaragua. Dass man beide Seiten kennt ist ein Reichtum von unschätzbarem Wert, und bei denen, die nur die eine Seite kennen, ein Mangel der nicht wettzumachen ist. Ein Psychiater der die Seite eines Betroffenen kennt wird immer ein um Welten besserer Psychiater sein. Denn nur dieser Psychiater wird ein echtes Herzensinteresse, wirklich zu helfen, haben, die anderen machen einfach ihren Job, und sind glücklich über ihr Salär ende Monat, und der Rest interessiert nicht wirklich, im Stil von ich, ich, ich, und mein bester Freund bin ich, und mein Gewissen tu ich beruhigen, da ich ja vielen "helfe".

Und doch Maria, du bist noch weit von der Wahrheit entfernt. Auch du bist ziemlich auf dem Holzweg. Weisst du, schon nur wenn man einem psychisch leidenden Menschen eine "Diagnose" stellt, obwohl er eigentlich eine Umarmung braucht, und jemand, der mit ihm heult, das ist nicht weit von Mord entfernt.

Eine Diangose ist nichts anderes als ein Fluch, den man auf einen Menschen legt, und ihm die Identität eines Fluches überstülpt, den er nie mehr los wird, wenn er diese Identität nicht wieder ablegt und sich dagegen stemmt.

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